Publikationen:
- Übersicht
- Liste der Veröffent-
lichungen - Online-Publikationen:
> druckbare Version (PDF)
Der Mordfall Weimar - Kraft und Gefahren des Sachbeweises
von Rechtsanwalt Gerhard Strate, Hamburg
veröffentlicht in der Zeitschrift Kriminalistik, 1997, S. 634 ff. (Heft 10)
1. Die Chronologie der Ereignisse
Am frühen Nachmittag des 4.8.1986 werden die Kinder Karola und Melanie Weimar, fünf und sieben Jahre alt, von ihrer Mutter in dem grenznahen Ort Philippsthal/Hessen als vermißt gemeldet. In ihren ersten Anhörungen gibt die Mutter, Monika Weimar, an, die Kinder seien gegen 9.30 Uhr aufgestanden und hätten nach einem kleinen Frühstück gegen 10.15 Uhr das Haus verlassen, um auf einen nahe gelegenen Spielplatz zu gehen. Der Vater der Kinder, Reinhard Weimar behauptet, er habe bis zum späten Vormittag geschlafen, sei dann schließlich gegen 11.30 Uhr aufgestanden und habe auf die Rückkunft seiner Ehefrau gewartet, die eine Stunde zuvor für verschiedene Erledigungen in den Ort gefahren war. Sie sei alsdann gegen 12.15 Uhr wieder eingetroffen.
Schon am Nachmittag beginnen die Nachbarn der Eheleute Weimar mit der Suche nach den Kindern. Monika Weimar beteiligt sich hieran nicht. Anders ihr Ehemann: Reinhard Weimar wird gesichtet, als er an einer Taubeneinsatzstelle und an einem fünf Kilometer von den Wohnhäusern der Eheleute Weimar entfernt gelegenen Kirmes-Platz nach den Kindern fragt. In den folgenden zwei Tagen werden sämtliche umliegenden Wälder, Äcker und Wiesen mit mehreren Hundertschaften der Polizei und des Bundesgrenzschutzes nach Melanie und Karola abgesucht. Ergebnislos.
Bereits am 5.8.1986 erfahren die Beamten der Mordkommission der Kriminalpolizei in Bad Hersfeld, daß es mit der Ehe der Eheleute Weimar nicht zum besten stehen soll. Monika Weimar - dies stellt sich heraus - ist seit Mai 1986 mit einem amerikanischen Soldaten, Kevin Pratt, befreundet. Ober eine Ehescheidung wurde bereits geredet. Der erste Verdacht der Kriminalpolizei richtet sich auf Monika Weimar; man vermutet eine Entführung der Kinder, bei der möglicherweise Kevin Pratt geholfen hat.
In den Nachmittagsstunden des 7.8.1986 fährt der Busfahrer Hans-Georg Führer einen Parkplatz auf der Landstraße 3255 zwischen Wölfershausen und Herfa an, um eine Kaffeepause einzulegen. Als er eine schief sitzende Gardine an einem Seitenfenster seines Busses geradeziehen will, fällt sein Blick auf eine dichte Brennesselwand, die sich vor einer Böschung zum nächsten Acker gebildet hatte. Ein kurzer Windstoß bewegt die Brennesseln und Führer gewahrt in ca. ein Meter Tiefe hinter den nicht geknickten Brennesseln die Beine eines Kindes. Die Polizei wird verständigt. Der Leichnam der Melanie Weimar wird geborgen.
Eine intensive Nachsuche an umliegenden Rastplätzen führt alsbald zum Auffinden des Leichnams der Karola Weimar. Er findet sich gegen 18 Uhr an einem stillgelegten Straßenstück im sog. Bengendorfer Grund, vier Kilometer vom anderen Fundort entfernt. Beide Leichname tragen die von Monika Weimar bei der Vermißtmeldung beschriebene Kleidung. Die Unterhöschen beider Kinder zeigen keinerlei Spuren eines Einnässens, sie sind - wie es ein Kriminalbeamter später beschreibt -"blütenweiß". Die Kleidung und die Haare der Melanie Weimar sind übersät mit einer Vielzahl von Kletten - Früchte des Labkrauts. Sowohl bei Melanie als auch bei Karola finden sich in den Haaren Haar- und Zopfspangen. Die Diagnose der Gerichtsmedizin bei der am folgenden Tage durchgeführten Obduktion lautet bei Karola auf Tod durch Erwürgen, bei Melanie auf Tod durch Ersticken, möglicherweise unter weicher Bedeckung. Am 11.8.1996 werden die Kinder unter großer Anteilnahme beigesetzt. Die Trauerfeier wird auch besucht von Beamten der inzwischen gebildeten Sonderkommission. Die Eheleute nehmen Abschied von Melanie und Karola. Die veröffentlichten Fotos zeigen Reinhard und Monika Weimar nebeneinander am Grab ihrer Kinder; sie stützen sich nicht. Monika Weimar wird von ihrem Schwager am Arm gehalten. Die tags zuvor in der "Hersfelder Zeitung" erschienene Todesanzeige enthält einen unerklärlichen Zusatz, dessen Herkunft auch später nie aufgehellt wird: "Vater, wenn die Mutter fragt: 'Wo sind unsere Kinder hin?', dann sage ihr, daß wir im Himmel sind."
Am 22.8.1986 gehen bei der Sonderkommission erste Ergebnisse verschiedener Untersuchungen ein, die bei der kriminaltechnischen Abteilung des Hessischen Landeskriminalamtes in Auftrag gegeben worden waren. Es stellt sich heraus, daß ein Sprung in der Frontscheibe des Pkw der Familie Weimar nicht von außen - durch einen Steinschlag, wie von Monika Weimar behauptet - , sondern durch einen druckvollen Anstoß aus dem Inneren des Fahrzeuges heraus verursacht worden sein muß. Weiterhin zeigt sich, daß zwei angeblich anonyme Zuschriften, die Monika Weimar erhalten und als solche der Kriminalpolizei übergeben hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihr selbst herrühren. Auch kann ein Zeuge, der am Tage der Vermißtmeldung mit seinem Motorrad nach Wölfershausen gefahren war, gesichert angeben, auf dem Weg zu einem Zahnarzttermin einen weißen VW-Passat mit schwarzem Zierstreifen - entsprechend dem Pkw der Familie Weimar - an dem Parkplatz der Landesstraße 3255 sowohl auf der Hinfahrt gegen 11.03 Uhr als auch auf der Rückfahrt gegen 11.20 Uhr gesehen zu haben. Wenige Meter davon entfernt wurde drei Tage später der Leichnam der Melanie gefunden. Es scheint klar: Monika Weimar muß die Fahrerin des Pkw gewesen sein. Und noch mehr scheint klar: Ihre falschen Angaben zu den Ursachen der Beschädigung an der Frontscheibe, zu der Herkunft der anonymen Briefe sowie ihr Aufenthalt am späteren Leichenfundort der Melanie Stunden vor der Vermißtmeldung fokussieren den Tatverdacht auf sie.
Am 28.8.1986 wird Monika Weimar erneut vernommen. Gleichzeitig wird Kevin Pratt verhört. Auch andere Familienangehörige werden einer Vernehmung unterzogen. Monika Weimar bestreitet jede Urheberschaft an den Briefen. Die Splitterung der Frontscheibe erklärt sie nunmehr damit, daß sie in der Nacht zum 4.8.1986, als sie mit Kevin Pratt nach einem gemeinsamen Diskotheken-Besuch noch zusammen war und im Pkw den Geschlechtsverkehr ausgeübt hatte, mit dem Fuß abgerutscht und mit der Ferse gegen die Scheibe gestoßen sei. Am Abend des 28.8.198.6 wird die Festnahme ausgesprochen.
Am 29.8.1986 wird die Vernehmung fortgesetzt. Auch hier bleibt sie zunächst bei ihrer Darstellung. Nach einer Unterbrechung der Vernehmung kommt es gegen 11 Uhr zu einer Wende:
Monika Weimar behauptet jetzt, die Kinder seien bereits tot gewesen, als sie in der Nacht zum 4.8.1986 nach Hause kam. Beim Öffnen der Wohnungstür sei alles dunkel gewesen; allein im Eßzimmer habe Licht gebrannt. Sie habe es sofort betreten und sei von dort aus in das Kinderzimmer gegangen. Ihr Mann habe auf dem Bettrand des Bettes der Karola in gebeugter Stellung gesessen, habe geheult und sei total durcheinander gewesen. Er habe auf sie einen stark abwesenden Eindruck gemacht. Neben ihm auf dem Fußboden habe eine leere Bierflasche gestanden. Sie habe dann die Kinder gesehen. Beide seien noch mit der Decke halb zugedeckt gewesen. Sie habe die Kinder gefaßt und gerüttelt; sie hätten jedoch keinerlei Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Sie habe ihren Mann an den Schultern gefaßt und gefragt: "Was hast Du getan?". Da sie den Anblick der toten Kinder nicht habe ertragen können, sei sie ins Schlafzimmer gerannt, habe sich dort aufs Bett gesetzt, sei völlig verzweifelt gewesen und habe nicht gewußt, was sie tun solle. Nachdem sie einige Zeit benommen im Schlafzimmer gesessen habe, hätte sie die Geräusche eines Autos gehört, von dem sie gemeint habe, daß es der Familienwagen war. Nach einer Weile sei der Wagen zurückgekommen. Ihr Ehemann habe die Wohnung betreten, sei zu ihr ins Schlafzimmer. Sie habe ihn erneut gefragt: "Warum hast Du das getan?". Er habe geantwortet: Jetzt kriegt keiner mehr die Kinder". Er habe ihr noch beschrieben, wo er die Leichname abgelegt habe. Den Aufenthalt am nächsten Tage am Leichenfundort der Melanie erklärte sie damit, daß sie noch einmal ihre Kinder habe sehen wollen. Sie habe jedoch nur den Leichnam der Melanie entdeckt. Die Vermißtenanzeige und ihre vorgeblich falsche Darstellung über den Verlauf des Montag-Vormittags erklärte sie damit, sie habe Mitleid mit ihrem Mann empfunden und die Schuld für den Tod der Kinder auch bei sich gesucht. Außer ihr und ihrem Ehemann wisse niemand, wie die Kinder zu Tode gekommen und an die Leichenfundorte verbracht worden seien. Bei dieser Darstellung bleibt sie bis heute.
Am 30.8.1986 wird auf Veranlassung des zuständigen Staatsanwalts Raimund Sauter der Ehemann festgenommen. Der von ihm gestellte Antrag auf Erlaß eines Haftbefehls wird vom Amtsgericht Fulda zurückgewiesen; auch die Beschwerde gegen diesen Beschluß hat beim Landgericht Fulda keinen Erfolg. Mitte Oktober wird Staatsanwalt Sauter - nachdem Mitglieder der Kriminalpolizei Bad Hersfeld sich mit nachdrücklichen Eingaben beim Leiter der Fuldaer Staatsanwaltschaft hierfür verwandt hatten - als zuständiger Dezernent abgelöst. Der von seinem Nachfolger beantragte Haftbefehl wird am 25.10.1986 sofort erlassen. Monika Weimar bleibt bis zum 4.12.1995 in Untersuchungs- und Strafhaft. Dem gegen sie am 8.1.1988 ausgesprochenen Urteil des Landgerichts Fulda - lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes in zwei Fällen - attestiert der Bundesgerichtshof in seiner Revisionsentscheidung ein Jahr später, die Indizien "sorgfältig und nachvollziehbar" gewürdigt zu haben (NJW 1989, 1741, 1744).
Am 4.12.1995 wird durch das Oberlandesgericht Frankfurt am Main die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet. Monika Böttcher, geschiedene Weimar, wird nach mehr als neun Jahren Haft freigelassen. Am 24.4.1997 wird sie in einem Wiederaufnahmeprozeß nach 55 Verhandlungstagen durch das Landgericht Gießen freigesprochen.
[ weiter >> ]